This boots aren't made for walking

Vor einiger Zeit unterhielt ich mich mit einer guten Freundin (ich sage bewusst nicht „gute alte Freundin“, da sie dieses sicher falsch verstehen würde) über das kaufen von Schuhen. Sie führte mir gerade mit einem gewissen Stolz ihre neuen Stiefel vor, die wirklich ziemlich Atemberaubend waren. Im nächsten Halbsatz seufzte sie, dass ihr Freund auch dringend neue Schuhe brauchen würde, er es jedoch nie schaffen würde auch nur in die Nähe eines Schuhgeschäftes zu gehen ohne Zeichen eines Nervenzusammenbruches zu zeigen. Und es ist in der Tat zum heulen, als Mann Schuhe kaufen zu müssen. Ich selbst habe einen gewissen Faible für Stiefel, allerdings nicht für grobe Wanderstiefel oder Arbeiterstiefel sondern für dessen eleganten Brüder mit denen man durchaus auch in die Stadt gehen kann ohne wie ein Holzfäller auf Urlaub zu wirken. Und da fangen die Probleme an. Als ich vor einiger Zeit das Bedürfnis oder vielmehr die Notwendigkeit spürte, mir neue Stiefel zu kaufen hatte ich ein Schuhgeschäft in meiner Nähe aufgesucht und war dort auf der Suche nach der Männerabteilung. Wie so häufig musste ich auf die Verkäuferinnen recht Hilfebedürftig gewirkt haben, denn es dauerte nicht lange bis sich eine mir mit schrägen Kopf und hochgezogenen Augenbrauen näherte. „Kann ich Ihnen helfen.“ Ich schaute sie fragend an und erwiderte, dass ich auf der Suche nach der Herrenabteilung wäre. Sie schaute mich einige Momente an und erwiderte, dass das Schuhgeschäft seit einigen Monaten keine Herrenschuhe mehr führen würde. Auf meine überraschte Frage wieso, antwortete sie, dass sich diese nur recht schleppend verkaufen würden. Ich bedankte mich für die ebenso interessante wie nicht hilfreiche Auskunft und suchte den nächsten Schuhladen auf, von dem es in der Innenstadt beunruhigend viele gibt. Tatsächlich fand ich, in einer finsteren Ecke, recht verschämt aufgestellt mehrere Regale mit Herrenschuhen. Bei genauerer Betrachtung verstand ich, warum sie im entlegensten Teil des Ladens und bei unzureichender Beleuchtung geradezu versteckt waren. Die Modelle wirkten so, als wäre die Zielgruppe der Kegelclub „Alle Neune“ aus Wanne-Eickel oder für Menschen mit schweren Sehstörungen bestimmt. Leicht verwundert hielt ich einen Lederschuh in der Hand, welcher nicht nur Fransen aufwies sondern in einem solchen dunkelgrün gehalten war, dass ich unwillkürlich an Erbseneintopf denken musste. „Den haben wir übrigens auch in Cherry-Rot“, sagte eine Verkäuferin hinter mir, welche sich lautlos genähert hatte. Ich lehnte dankend ab und fragte mich, wer außer dem Papst Rote Lederschuhe trug während ich den Laden verließ. Im nächsten Geschäft wurde ich tatsächlich fündig und kaufte ein paar sehr schöne braune Lederstiefel, mit denen ich glücklich nach Hause fuhr und auch die nächsten Stunden recht glücklich war. Leider hielt das Glück nicht lange an, denn die Sohle des rechten Schuhes entwickelte etwas, dass ich ein natürliches Freiheitsstreben nennen würde. Sie löste sich an der Spitze zielgerichtet ab. Ich fuhr daher zurück in den Schuhladen um dieses zu reklamieren, was dazu führte, dass ich innerhalb kürzester Zeit die gesamte Belegschaft des Ladens kennenlernte. Alle Mitarbeiterinnen (gibt es eigentlich männliche Schuhverkäufer?) versicherten mir ihr tiefes Mitgefühl, doch ich müsste mit der Filialleiterin sprechen. Als sich diese schließlich einfand stellte sie sich als sehr junge Frau heraus, die mir schließlich eine Reparatur anbot. Obwohl ich den Freiheitsbestrebungen der rechten Sohle durchaus Sympathien entgegenbrachte bestand ich jedoch auf neue Schuhe, wahrscheinlich weil es mich irritierte, dass ausgerechnet die Rechte mehr Freiheiten verlangte. Nach längerer Diskussion wurden mir diese, nachdem ich auf die einschlägigen Paragraphen des BGB verwiesen hatte freundlichst gewährt. Endlich hatte sich der Unterricht in Zivilrecht während der Ausbildung als für irgendetwas nützlich herausgestellt. Wiederum verbrachte ich einen recht glücklichen Tag mit meinen neuen Schuhen, allerdings entwickelte hier wieder ein Teil des Schuhes ein emanzipatorisches Potential. Der Absatz des linken verabschiedete sich, als ich an einer Treppenstufe hingen blieb. Ein erneuter Besuch beim Schuhgeschäft blieb nicht aus, wo ich wieder auf die sehr junge Filialleiterin traf. Nach unserer letzten Begegnung schien sie zu der irrigen Überzeugung gekommen, dass ich Anwalt wäre. Da Sie mir nun ohne Diskussion ein neues Paar Schuhe in die Hand drückte hielt ich es nicht für nötig, das Missverständnis aufzuklären. Nun, was soll ich sagen? Auch dieses Paar Schuhe fiel innerhalb von zwei Tagen auseinander. So verabschiedete ich mich von den schicken, bequemen aber leider nicht funktionstüchtigen Schuhen und gab sie endgültig zurück. Die Filialleiterin schaute mich diesmal ein wenig merkwürdig an und erkundigte sich, wofür ich die Schuhe eigentlich verwenden würde. Mit dem ernstesten Gesicht, dass ich zu machen imstande bin erklärte ich „Nun, überwiegend zum bedecken der Füße und zum gehen.“ Ich bekräftigte diese Aussage mit einem ernsten nicken und in der Miene der Frau konnte ich erkennen, dass sie langsam glaubte, es mit einem geisteskranken Anwalt zu tun zu haben. Also die Sorte Mensch, mit der man sich auf jeden Fall nicht anlegen sollte. Schließlich kaufte ich in einem anderen Laden ein Paar Stiefel, welche noch schicker, dafür aber Sündhaft teuer waren. Mit diesen bin ich seitdem sehr glücklich zu Fuß unterwegs. Allerdings riss mir vor ein paar Tagen einer der Schnürsenkel, als ich mit dem Fahrrad unterwegs war. Der Schlingel hatte sich auf mysteriöse Art im Fahrradpedal verfangen. Da ich gerade in der Nähe des Schuhladens war, in welchem ich das vorherige Paar mehrfach zurückgebracht hatte ging ich dort hinein um ein paar neue Schnürsenkel zu kaufen. Wie der Zufall wollte, stand die junge Filialleiterin hinter der Kasse, die mich so ansah, als hätte ich eine ansteckende Krankheit. Bevor ich etwas sagen konnte meinte sie zu einer Kollegin „Kannst du bitte die Auszahlung fertig machen?“ und suchte das Weite. Es ist doch schön, dass einen auch in einer großen Stadt die Geschäftsleute noch erkennen.

23.2.14 18:34, kommentieren

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Motivklebefolie

Seitdem ich versuche mit dem Rauchen aufzuhören komme ich neuerdings auf ungewöhnliche Ideen. Wahrscheinlich sucht mein Kopf nach einer Ersatzbefriedigung. Leider tut er dieses auf einem Gebiet, auf dem Frustrationserlebnisse für mich nachgrade programmiert sind.

Alles fing heute recht harmlos damit an, dass ich mit der klaren Idee mir eine neue Lampe für den Nachttisch zu kaufen zum Baumarkt gefahren bin. Einem riesigen Baumarkt. Einen, wo selbst die Angestellten einen fragend ansehen wenn man sie nach irgendetwas fragt, das sich außerhalb ihrer eigenen Abteilung befindet. Da mir mein alter Fahrradkorb kürzlich gestohlen wurde – es mag gerade mal so drei Jahre her sein – dachte ich, es wäre sinnvoll bei der Gelegenheit einen neuen zu kaufen. Die Verkäuferin am Infotresen pflichtete mir voll und ganz bei und wies mir zielgerichtet den Weg Richtung Tapeten und Holzböden. Es mag überflüssig sein zu erwähnen, dass die Fahrradkörbe am anderen Ende des Baumarktes waren aber dieser Umweg führte mich zu einem Regal in welchem ich auf die tollste aller Erfindungen für den Heimwerkermarkt gestoßen bin. Der bedruckten Motivklebefolie.

Derjenige der sie nicht kennt: Es handelt sich um eine Klebefolie, die etwa so breit ist wie eine Tapetenrolle und die Selbstklebend ist. Und sie ist bedruckt mit so ziemlich allen möglichen Mustern erhältlich.

In meiner Kindheit waren Motivklebefolien übrigens das Universalmittel für alle anstehenden Schönheitsreparaturen. Als ich noch im Haus meiner Großeltern wohnte war es die Aufgabe meiner Großmutter, sich um kleinere Reparaturen am Hausrat zu kümmern, da mein Großvater sich nur für Großprojekte wie den Bau neuer Gewächshäuser zu begeistern wusste.

War eine Schrankwand nicht mehr ansehnlich, so kaufte meine Großmutter Motivklebefolie, auf welche ein ähnliches Holzmuster aufgedruckt war. Wenn zufällig auch die Farbe stimmte, war das umso besser. Wenn in der Küche etwas kaputt ging: Weiße Motivklebefolie gekauft und drüber geklebt. Ich behaupte ja bis heute, dass mein Großvater bei seinem Tod keinen neuen Sarg bekommen hat sondern auf einen alten einfach Motivklebefolie in Eiche-Rustikal aufgeklebt wurde.

Bei der Verarbeitung gibt es eigentlich tausend Sachen zu beachten, die auch alle brav auf der Verpackung stehen. Zu behandelndes Objekt ausmessen, Maße auf die Klebefolie übertragen, Einzelteile ausschneiden und dann erst die Schutzfolie entfernen und aufkleben. Das sind natürlich alles wesentliche Schritte die der gekonnt ahnungslose Handwerker gepflegt ignoriert. Ich kenne es so, dass man die Bahn einfach an das zu behandelnde Objekt hält, die Schutzfolie abzieht und hofft, dass man nicht schräg klebt und die Luftblasen und Kanten alle mit der einzigen Bürste beheben kann, die gerade zur Hand ist: Der Klobürste oder dem Schwanz der nächstbesten Katze.

Das überstehende schneidet man dann frei Hand mit einem Cuttermesser ab. Was dann noch übersteht wird dezent umgeklappt und man betet leise vor sich hin, dass da niemals jemand drauf schauen wird.

Mit den richtigen, knalligen Motivklebefolien und zusammengenieteten Sperrholzplatten können Könner übrigens große Einrichtungskunst wie das Billy-Regal von Ikea überzeugend nachmachen. Ich habe mir sogar sagen lassen, dass dies schneller ist als der Bedienungsanleitung für das Billy-Regal zu folgen.

Leider gehörte ich noch nie zu den Künstlern der Motivklebefolien. Dennoch überkam mich die Nostalgie an das 70er Jahre Fertighaus meiner Kindheit und ich dachte an eine Seitenwand meiner Spüle, die eigentlich im Original aus beklebter Pappe bestand (auch so eine geniale Konstruktion), deren zunehmende Schäbigkeit aber mittlerweile selbst ich nicht mehr ignorieren konnte. Ich entschied mich daher für eine Folie, welche auf weißen Grund ein weinrotes „barockes Muster“ zeigte und war voller Zuversicht, mittlerweile konzentrierter und feinfühliger mit diesem Material arbeiten zu können.

Ich hatte voll und ganz recht. So schön schräg habe ich wirklich noch nie jemals etwas aufgeklebt. Mag aber auch daran liegen, dass gerade kein Katenschwanz zu Verfügung stand.

Wenn Sie mich entschuldigen würden, ich muss noch zum Baumarkt eine Nachttischleuchte kaufen.

14.2.14 18:00, kommentieren